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Wachgeküsst in der Lokhalle

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Basketball, Größe 7 - Wikipedia
Basketball, Größe 7 Wikipedia
Göttingen - Als John Patrick, 40, im Jahr 1996 das erste Mal nach Göttingen kam, fiel ihm sofort eine Gemeinsamkeit zu seiner Heimat im US-Bundesstaat Carolina auf. Wie dort war in sehr vielen Gärten ein Basketball-Korb montiert. Und dann schwärmten seine Gesprächspartner immer wieder, was für eine große Basketball-Vergangenheit die Stadt habe. Allein in den achtziger Jahren hatten der SSC und der ASC 1846 Göttingen dreimal den deutschen Meistertitel der Männer geholt. Dann aber fügten die meisten hinzu, das werde es nie wieder geben. Die Region sei wirtschaftlich einfach zu schwach, um den inzwischen professionelleren Sport zu finanzieren.
John Patrick hat damals nur im Sommer bei der BG Göttingen mittrainiert, denn eigentlich lebte und spielte er in Japan, wo er auch seine Ehefrau Alexandra kennenlernte, eine Deutsche, die Japanologie in Göttingen studierte. Patrick kam fortan jedes Jahr in die niedersächsische Universitätsstadt, und als er in einigen Zweitligaspielen beobachtete, mit wie viel Emotionen 800 Zuschauer in einer sehr kleinen Halle die mit gerade einmal 30 000 Euro ausgestattete Mannschaft der BG Göttingen anfeuerten, wurde ihm klar, dass der Basketball hier trotz allem eine Zukunft haben würde.

Inzwischen ist John Patrick Trainer und Sportdirektor bei der BG Göttingen. 2007 hat er mit dem Team den Aufstieg in die erste Bundesliga geschafft. Am heutigen Mittwochabend könnte sein Team kurz vor Abschluss der Hinrunde mit einem Sieg über die Baskets aus Paderborn Tabellenführer werden. Und das, obwohl die Göttinger nun mit einem Etat von 1,9 Millionen Euro (auch das ebenfalls in der ersten Liga spielende Damenteam lebt davon) erneut mit dem wenigsten Geld auskommen müssen. Meister Alba Berlin hat das Vierfache, ein Budget von acht Millionen Euro.

Wie es kam, dass Göttingen aus seinem gut zwanzigjährigen „Dornröschenschlaf wachgeküsst wurde", wie es Marc Franz ausdrückt, einer der Geschäftsführer der nach dem Aufstieg gegründeten GmbH „Starting five", hat einerseits mit der Schaffung eines Pools zu tun. Dort tragen inzwischen fast 100 regionale Firmen ihr finanzielles Schärflein bei, obwohl der ersehnte Hauptsponsor noch immer nicht gefunden wurde. Zudem spielt das Team jetzt in der wohl verrücktesten Arena. Die „Lokhalle", die 1920 als Ausbesserungswerk der deutschen Bahn gebaut wurde und inzwischen zum Veranstaltungsort umgebaut wurde, in dem auch acht Kinos untergebracht sind. Sie steht unter Denkmalschutz und muss zu jedem Spiel einen Tag umgebaut werden. Dann sind die alten Schienen vom Basketball-Parkett überdeckt und knapp 3500 Zuschauer finden in der mit Eisenverstrebungen zusammengehaltenen Halle Platz.
Und dann ist da eben John Patrick, der mit einem für die Bundesliga ungewöhnlichen System Erfolg hat. Er spielt, wie schon in der zweiten Liga, mit bis zu vier Guards. Spielmacher, die nicht einmal 1,90 Meter groß sind, was im Basketball ja als kleinwüchsig gilt. Sie sind schnell und athletisch, die Gegner können „dem organisierten Chaos", so nennt es Paderborn Trainer Doug Spradley, oft nicht folgen. Obwohl, wie Marc Franz weiß, alle Coaches inzwischen die Göttinger Spielweise auf Videos genau studiert haben, die Patrick so bezeichnet: „Full court 40 minutes hell". Also ein Tempospiel über 40 Minuten auf dem gesamten Feld, das für den Gegner zur Hölle wird.

Gleichwohl glaubt Patrick, dass es keinen Trainer gibt, der mehr Videos als er selber guckt, denn über „den Erfolg entscheiden viele Kleinigkeiten". Sein wichtigster Faustpfand aber ist das „Network" des früheren Highschool-Spielers. Ein Netzwerk, dass sich von Las Vegas bis nach Japan zieht und das auch bei der erstmaligen Verpflichtung von Kyle Bailey half, einem der Aufstiegshelden, der nach einem Jahr in Ulm zurückkam und nun mit 15,2 Punkten pro Spiel Topscorer ist. Vor Charles Lee (13,7), der seinen Vertrag gerade bis Saisonende verlängerte und Cliff Brown (12,8). Patrick, der 2006 als Trainer mit Toyota Alvark Meister in Japan wurde, spart relativ viel Geld, weil er die Profis meist ohne Einschaltung eines Agenten verpflichtet.

Gleichwohl beklagen manche Göttin-ger, dass auch das Team der BG inzwischen von den Amerikanern dominiert wird. Dabei hat der Klub inzwischen mit 30 Schulen ein Konzept erarbeitet und einige der Profis sind in die Nachwuchsförderung mit eingebunden. „Ich habe eine intelligente Mannschaft", sagt John Patrick. Da spielen Philosophen, Finanzexperten und Richter. Es sei ein Team, das „hart arbeitet, um das System noch besser zu machen". Denn noch ist der Coach „nicht zufrieden", in der „Offense" müsse mehr passieren. Sein Ziel ist es, bald auch in den europäischen Wettbewerben mitzuspielen. Läuft es so weiter, könnte das schon Ende der Saison erreicht sein. Falls nicht: Sein Vertrag läuft noch ein weiteres Jahr.

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